Schlaganfälle bei Kindern und Jugendlichen

Neuropsychologische und psychosoziale Langzeitfolgen *

Kurzbeschreibung des Projektes

Die Diagnose Schlaganfall wird in Deutschland jährlich bei ca. 500 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren gestellt. Dabei handelt es sich in dieser Altersgruppe um ein sehr uneinheitliches Krankheitsbild. Für die ätiologische Abklärung des eigentlichen Insultes steht ein umfangreicher Pool möglicher Ursachen und Risikofaktoren zur Verfügung, die in unterschiedlicher Weise zu Läsionen des Hirngewebes führen können. Diese hirnorganischen Schädigungen ziehen wiederum ein breites Spektrum neurologischer und neuropsychologischer Beeinträchtigungen sowie emotionale und Verhaltensprobleme nach sich. Ein Schlaganfall kann daher den Lebensweg eines Kindes bzw. Jugendlichen einschneidend verändern. Das Ausmaß und die Art der Defizite nach einem Schlaganfall im Kindes- und Jugendalter sind von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Dabei spielen das Alter zum Zeitpunkt des Schlaganfalls und das nachfolgende Auftreten epileptischer Anfälle eine besondere Rolle. Daneben sind aber auch der Umfang der Läsion oder die Ausbildung einer Hemiparese für den weiteren Verlauf dieser Erkrankung von Bedeutung. Wiederholte Schlaganfälle können in der Folge einiger Grunderkrankungen auftreten und haben, ebenso wie epileptische Anfälle, einen verstärkenden Effekt auf die daraus resultierenden Beeinträchtigungen.

Nach einem Schlaganfall kommt es durch die Zerstörung von Gewebe auch zum Verlust von bestimmten, im jeweiligen Bereich lokalisierten Funktionen. Dabei unterscheiden sich die funktionellen Ausfallerscheinungen nach Schlaganfällen im Kindesalter nicht nur von denen erwachsener Schlaganfallpatienten, sondern auch innerhalb der jungen Patientengruppe. Im Genesungsprozeß kindlicher und jugendlicher Patienten entwickeln sich Kompensations- und Reorganisationsmechanismen, die zur Verlagerung beeinträchtigter Funktionen in nicht geschädigte Bereiche führen können. Aus diesen Gründen findet der Entwicklungsfaktor (Hirnreifung) große Beachtung bei der Behandlung neuropsychologischer Fragen nach Hirnverletzungen im Kindes- und Jugendalter. Häufig diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Bedeutung der neuronalen Plastizität des kindlichen Gehirns: wie weit kann also das kindliche Gehirn eine Zerstörung des Hirngewebes durch einen Schlaganfall auffangen und kompensieren oder Funktionen an anderer Stelle neu ausbilden?

Ein solcher Wechsel von Funktionen kann Konsequenzen für die Effektivität des Gesamtsystems haben, indem Kinder beispielsweise bei der Bearbeitung von Aufgaben langsamer werden. Diese Verlangsamung der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit als einer spezifischen Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitsfunktion kann ihren Niederschlag auch in Gedächtnis- und Sprachdefiziten finden. Außerdem lassen sich Defizite in visuell-räumlichen Funktionen nachweisen, die dann häufig schlechte schulische Leistungen im mathematischen Bereich nach sich ziehen. Neurologische und neuropsychologische Beeinträchtigungen, die aus einem Schlaganfall im Kindes- und Jugendalter resultieren, können zudem sehr komplexe psychosoziale Probleme verursachen, die u.a. ein breites Spektrum an möglichen emotionalen und Verhaltensstörungen umfassen.

Dabei sollte immer auch daran gedacht werden, daß sich das Muster der Beeinträchtigungen über die Zeit hinweg verändern kann, d.h. zu den Defiziten, die zunächst direkt nach dem Schlaganfall zu beobachten waren, können auch nach langer Zeit neue Probleme hinzutreten. Und ebenso ist es möglich, daß sich Beeinträchtigungen nach zunächst unauffälliger Entwicklung überhaupt erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen, wenn beispielsweise - wie bei der Einschulung oder beim Schulformwechsel - die Anforderungen an das Kind steigen.

Aus diesen Gründen erscheint eine langfristige neuropsychologische Begleitung betroffener Kinder sehr sinnvoll.

Im Rahmen des beschriebenen Projektes können wir in unserer Einrichtung (Psychologische Kinderambulanz der Universität Bremen) für alle Kinder und Jugendlichen, die einen Schlaganfall erlitten haben, eine begleitende (neuro-)psychologische Untersuchung anbieten. In dieser Untersuchung wird sehr gezielt sowohl nach noch bestehenden Beeinträchtigungen als auch nach den Stärken des betroffenen Kindes/Jugendlichen gesucht, um dann entsprechende Empfehlungen in Bezug auf notwendige und sinnvolle Therapien oder hinsichtlich der Beschulung/Ausbildung geben zu können. Die Diagnostik umfasst für Kinder von drei bis fünf Jahren einen Zeitrahmen von insgesamt drei Stunden, bei älteren Kindern werden sechs Stunden benötigt, die jeweils auf zwei Vormittage verteilt werden. Parallel dazu sind ausführliche Gespräche mit den Eltern des betroffenen Kindes vorgesehen.

Projektleitung:
PD Dr. Monika Daseking (verantwortlich) und
Prof. Dr. Franz Petermann

Psychologische Kinderambulanz der Universität Bremen
Grazer Str. 2
28359 Bremen


* Das Projekt wird finanziell unterstützt von der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe. Darüber hinaus besteht eine Kooperation mit dem Universitätsklinikum Münster / Abteilung pädiatrische Hämatologie / Onkologie, Frau Prof. Dr. Nowak-Göttl